„Wir wollen niemanden kennenlernen.“

„Wir wollen niemanden kennenlernen.“

Oder: „ein Leben in Aspik.“

"Wir wollen niemanden kennenlernen" ... unter meinen Freunden ist das auch nach inzwischen vierzig Jahren ein noch immer gerne belächelter Ausspruch eines entfernten gemeinsamen Bekannten, der mit einer testosteronberstenden Reisegruppe junger Männer Mitte der achtziger Jahre nach Lloret de Mar aufgebrochen ist, um dort am Strand allen paarungsbereiten Aspirantinnen zu verkünden, Anschluss sei unerwünscht, man wolle unter sich bleiben. Ein Scherz - natürlich.

Inzwischen ahnen wir: der Satz könnte auch von den Marketingabteilungen inhabergeführter Mittelständler stammen. Auch die scheuen sich, mal das Fenster aufzumachen um Frischluft zuzulassen und schmoren lieber träge, weil vermeintlich sicher alimentiert, im eigenen Saft, als sich mit neuen Ideen und disruptiven Konzepten belasten zu müssen. Es sind ja nur noch ein paar Jahre bis zur Rente. Durchhalten, abtauchen, ein Leben in Aspik: „Lieber Gott, behüte mich vor allen Neuerungen.“ Und viele Unternehmer scheinen froh zu sein, sich darum nicht mit dem „Marken- und Werbegedöns“ beschäftigen zu müssen. Achtung Kunde!

In den letzten Wochen und Monaten wurden eine Menge Läden an die Wand gefahren und nicht wenige Verantwortliche sind augenblicklich versucht, die Schuld an anderer Stelle zu verorten. Eine Menge Unternehmer wollen nicht wahrhaben, dass sie sich in einer unglücklichen Mischung aus Entwicklungsfurcht, Verhaltensstarre und Kontaktscheue selbst in die Ecke gestellt haben. Bequemlichkeit im Denken und im Handeln. Sie haben die Kunden unterwegs verloren, einfach aufgegeben keine dazugewonnen, keinen Kontakt gesucht und deshalb auch nicht gefunden. Es ist ein merkwürdiger Anspruch, auch im Jahr 2025 noch darauf vertrauen zu wollen, dass er schon kommen wird, der Kunde. Von allein, denn der muss doch wissen, was gut ist.

In den vergangenen 3 Jahren habe ich beispielsweise mehr als 20 Weingüter besucht, bei denen nach einem geglückten Generationenwechsel ein Mittdreissiger am Steuer steht, dessen Durchschnittskunde älter ist, als die eigenen Eltern. Oft stammen die noch von den fleissigen Großeltern. Wie lange kann das wohl gutgehen? Und jetzt? Nichts! Und bitte überraschen Sie uns nicht mit innovativen Prozessen zur automatisierten Kontaktqualifizierung. Kundenansprache? Das wäre ja noch schöner. Bitte stören Sie unsere Kreise nicht. Jahaaa, ich habe ja verstanden und überreitze es bewusst.

Und die Bäcker? Backende Filialisten, die machen mich regelmäßig sprachlos. Zigtausende Kundenkontakte jeden Monat, aber keine exakte Vorstellung, mit wem genau man es da zu tun hat. Proaktive Ansprache? Um Himmels willen nein, wir überzeugen mit unserer Qualität - gleich zwei Trugschlüsse in nur einem Satz.

Zwei Beispiele unter zahllosen - ich könnte die Branchen mühelos fortsetzen. Überall tippelt man auf der Stelle. Bestenfalls. Und immer liegt die Ursache woanders. Selbstbestimmung? Fehlanzeige.

Schade.

www.schulzundtebbe.de

Bruno SchulzComment