"Ein Meer aus Scheiße."

Heute morgen gerieten meine Facebookbekannte Sabine Euler und ich in einem Thread zu meinem Post über eine betagte Engländerin, die auf Grund einer kurzsichtigen Fehlentscheidung in Thailand strandete und der nun keiner beistehen mag, schon gar nicht unter den Diskutanten, in einen knappen Austausch über die voranschreitende Verschmelzung von Wohlstandsverwahrlosung, Empathielosigkeit und stumpfer Ignoranz, sowie der Schamlosigkeit, die eigene Blödheit und Moralblindheit wie selbstverständlich als gesellschaftlichen Standard zu proklamieren.

Die Sabine beschließt ihre nachdenklichen, berührenden Zeilen über ein privates Erlebnis mit einem Flaubert-Zitat: "Ich habe immer versucht, in einem Elfenbeinturm zu leben; aber ein Meer aus Scheiße schlägt an seine Mauern, genug, ihn zum Einsturz zu bringen."

Diese Worte von Ewigkeitswert entstammen einem Schreiben vom 13. November 1872 aus dem Briefwechsel mit dem russischen Schriftsteller Iwan Sergejewitsch Turgenew. „Wir sind Maulwürfe, die ihre Gänge in dieselbe Richtung graben“, hat der über Flaubert geschrieben. Briefe aus beinahe zwanzig Jahren Freundschaft, in denen sich die Anrede vom geschätzten Kollegen zum lieben Freund und guten, alten Kumpel entwickeln durfte. Sie zeigen zwei Autoren, die in und doch gegen ihre Zeit geschrieben haben.

Was das mit mir macht? In jungen Jahren, ich war vielleicht zwölf oder dreizehn, stolperte ich in den Bibliotheken meiner Eltern über die „Madame Bovary“. Das war grundsätzlich sicher kein Stoff für meine Alterskohorte und versetzte mich dafür Jahre später, während der erneuten Durchnahme im Schulunterricht in einen tiefen, erholsamen Schlaf. Egal. Flaubert hatte mich gleich begeistert. Aber weniger wegen der Inhalte, als wegen seines Stils, seiner Art zu schreiben, auch wenn ich mich mit der Übersetzung begnügen musste.

Jahre später verstand es James Wood, tatsächlich mein Jahrgang, aber Literaturkritiker des „New Yorkers“ und Professor für Literaturkritik an der Harvard University, in seinem Buch „Die Kunst des Erzählens“ ganz großartig zu greifen:

"Die Romanautoren sollten Flaubert danken wie die Lyriker dem Frühling. Mit ihm beginnt alles.“

Man möchte augenblicklich nachlesen von der Bedeutung der Details und dem modernen Helden, der nichts anderes macht, als die Straße entlangzulaufen, die Dinge wahrzunehmen und zu reflektieren. Wenn man Madame Bovary liest, um von Zeit zu Zeit die Augen zu schließen, läuft ein Film. Genau darum geht es. Um die Begabung, Bilder entstehen zu lassen und deren Wirkmächtigkeit.

„Das Meer aus Scheiße“ flutet heute die Kommentarspalten. Danke, dass du das zurückgeholt hast, Sabine. Und ich hole heute abend nochmal den Wood raus. Und vielleicht auch den Flaubert.

Auch sehr gut gefallen hat mir übrigens dessen nachfolgender Aphorismus aus einem Brief im Jahr 1842 an Ernest Chevalier, über den ich vor ziemlich genau 10 Jahren mal einen Text geschrieben habe:

„Man kann Apfelbäume
nicht um Orangen bitten,
das Leben nicht um Glück
und Menschen nicht um Liebe.“

Guten Morgen.

Bruno SchulzComment