Weltmacht mit drei Buchstaben: "ICH!“
oder: die Maus, die brüllte ...
> darum geht es im nachfolgenden Text:
"Menschen überschätzen oft ihre Interessen
als universell relevant. Ein Kommentar zu Rudersport, Individualismus, Nischenthemen und mediale Wahrnehmung. <
(Danke für die verkürzende Zusammenfassung, Pepe Lange mit ChatGPT)
Heute musste ich noch mehr als ohnehin, beim Lesen einiger Kommentare im Thread zu einem meiner Posts an einen Cartoon denken, den ich mal vor einigen Jahren für mich entdeckt habe, einer, der mich nie mehr verlassen wollte und der wie kein Zweiter in die heutige Zeit passt.
Darauf fragt eine piefige Brigitte Mustermann kreuzworträtselnd ihren bräsigen, fernsehsesselthronenden Gatten mit der Cordhutgesinnung: "Weltmacht mit drei Buchstaben?" Und der explodiert förmlich „ICH(!!!11!!)", wie einst der Führer '39 vor Europa. In Versalien und mit einem Ausrufezeicheninferno, der Signatur der Abgehängten. Ok, das mit den Ausrufezeichen habe ich dazugedichtet, aber es unterstreiche nur den Gesamteindruck.
Was ist passiert, worum es geht? Nicht um Politik, oder Wetter und ausnahmsweise nur am Rande um König Fußball, aber immerhin um nicht weniger als um das Fernsehprogramm der Öffentlichrechtlichen Anstalten. Und um einen rudernden Goldolympioniken, der eitel lautmeinte, er und sein Sport müssten gefälligst mehr Berücksichtigung finden in den öffentlichrechtlichen Premiumsendezeiten. Im Vergleich zum Fußball beispielsweise. Schließlich habe er sein ganzes Leben dem Rudersport gewidmet und nun mit einer Topmedaillenleistung gekrönt. Auf die Idee, dass er sich da eine Randsportart ausgewählt hat, die nicht gerade im Fokus öffentlichen Interesses steht, kommt er gar nicht. Das ist wohl heute symptomatisch.
Auf meinen Einwand, dass auch das Programm der Öffentlichrechtlichen vermutlich relativ den allgemeinen Zuschauervorlieben angemessen würde, in dem der Rudersport als Randerscheinung eben kaum aufblitze, folgte augenblicklich, nahezu in Echtzeit, ein lautes Aufjaulen. Tatsächlich hatten sich wohl "alle 5 oder 6 Hardcoreruderfans", die sich jemals auf mein unbedeutendes Facebookprofil verirrt hatten, zeitgleich in den Kommentarspalten just zu diesem Thema eingefunden. Und die meinten sowas wie (hier mal verkürzt wiedergegeben): ICH interessiere mich für die Rudermonotonie, die tatsächlich für die meisten so spannend ist wie der Farbe beim Trocknen zuzuschauen, also interessiert es ALLE. PUNKT. Vom Rhein bis an die Oder.
„PUNKT“ liest man immer dann, wenn sich die mansplainenden Sinndeuter (es sind auch Frauen darunter) schlichtdominant jeder künftigen Diskussion einseitig entbinden möchten. Äh, echt jetzt?
Es ist nicht allzu überraschend, dass sich ausgerechnet unter den Kritikern der Verteilung von Sendezeiten viele derer befinden, die sonst die Öffentlichrechtlichen so gerne als manipulativen Staatsfunk diffamieren. Jetzt wollen sie diesen also gerne selbst subjektiv steuern, gemäß der eigenen, tunnelsichtigen Wirklichkeit.
Manche halluzinieren schon von Relevanz. Jetzt mal in echt und für diejenigen unter uns, die so gerne das „ich“ und das „wir“ verwechseln und der Bedeutsamkeit eigener Neigungen, Interessen und Befindlichkeiten für den Rest der Menschheit fieberträumen, einer Kollektivierung ihrer individuellen Bedürfnisse, ganz wie das patzige Kleinkind, das frustriert mit dem Kochlöffel auf den Töpfen herumdrischt in der größenwahnsinnigen Annahme, den Rhythmus für alle vorgeben zu können, hier mal zur Ernüchterung:
"Der Deutsche Ruderverband (DRV) übertrifft 2024 die Anzahl seiner Mitgliedschaften vom Vorjahr leicht. Insgesamt zählen die 478 Rudervereine unter dem Dach des DRV in diesem Jahr (ganze) 86.746 (!) Mitglieder (...)."
Bei 86 Millionen Leuten in Deutschland. Ein Promille also. Das ist so ähnlich wie beim Saufen. Man merkt es vielleicht schon ein bisschen, aber für einen veritablen Rausch reichts doch lange nicht. OK, die Wahrscheinlichkeit, beim Scheissen vom Blitz getroffen zu werden, im Lotto zu gewinnen oder Fahr-Syndrom betroffen zu sein, sind noch unwahrscheinlicher als einen Leistungssportruderer kennenzulernen. Also doch kein Rudergermanien? Die Patriotenseele bebt.
Zum Vergleich, weil wir schonmal dabei sind: der DFB hat 7,7 Millionen Mitglieder, nicht gezählt die weiteren Millionen Fans. 20? 25? 30 Millionen? Allesamt verhinderte Bundestrainer. Glühende „Experten“. Die Relation muss ja nicht jedem schmecken, mir persönlich ist das übrigens tatsächlich alles vollkommen egal bis auf das irre Phänomen der pathologischen Sozialisierung persönlicher Niedlichkeiten, aber die Realität muss doch auch nicht verbogen werden, nur um den paar Liebhabern muskelgetriebener Wasserfahrt die verzweifelte Illusion eben jener Universalbedeutung einzuhauchen, in der ihr Rudern so weit vor den Disziplinen „mongolisches Streckensackhüpfen“ und dem „kaukasischen Hammelsprung“ läge.
Für sie stehen die Erfolge im Rudersport so irgendwie synonym zum Status ihres lieben Deutschlands in der Welt. Wo auch sonst, in allen zeitgemäßen Entwicklungen ist der Michel längst abgehängt, der sich lieber mit der musealen Hege und Pflege einstiger Errungenschaften beschäftigt, als sich moderneren Entwicklungen zu öffnen und zuzuwenden.
Mit dem Moped durch die Galaxis: ich habe kürzlich by the way gelesen, dass das jüngste deutsche Unternehmen mit Weltbedeutung schon mehr als 60 Lenze zähle. Aua. Besonders innovativ klingt das ja nicht gerade. Da muss man wohl mit sportlichen Erfolgen kompensieren - pane et circensis - und seien die noch so abseitig. Rudern also. Was kommt als nächstes? Pfahlhocken? Ausdauerhäkeln? Der schwarze Gurt in Ikebana? Hauptsache endlich ein Triumph. Ein Triümphchen. Wahrscheinlich ist Rotgrün wieder mal schuld (Ironie off).
Und nicht nur nebenbei: ist das Öffentlichrechtliche überhaupt die richtige Adresse für die müden Vorwürfe? Sollten die Interessengemeinschaften rund um die Nischensportarten nicht endlich mal darüber sinnieren, eigene Kanäle zu identifizieren und diese selbst zu bespielen? Das sollte ja kein Problem mehr sein, bei vermeintlich derart viel Gewicht in der Gesellschaft. Und Streaming schafft seit Corona doch inzwischen jeder Dorfwinzer.
Also? Einfach (noch) mehr Dilettantismus wagen. Tatsächliche Relevanz lässt sich doch ganz leicht in werblicher Unterstützung greifen. Die Konzerne suchen immer den Weg des geringsten Widerstandes zu den Konsumenten. Und wenn die ja offenbar alle auf Rudern stehen, sollte ein Sponsoring kaum noch die Herausforderung sein.
Die vorgeblich zu erreichende Zielgruppe hängt ja ohnehin eher per Smartphone am Tropf von TikTok oder youTube wie der Junkie an der Nadel als sich zur Primetime auf der elterlichen Wohlstandscouch vor der Glotze herumzufläzen.
Spätestens an dieser Stelle verwandelt sich dann die Debatte in den Kommentarspalten in banale ad-personam-Klippschulrhetorik und es fällt schnell der Vorwurf von Arroganz. Neben Neid und Missgunst ein Lieblingsmotiv der rhetorisch Unbewaffneten. Klaus Kinski mag ein irrer Soziopath gewesen sein, aber zu diesem Thema hat er Worte von Ewigkeitswert notiert: „Niveau sieht nur von unten aus wie Arroganz.“
Achja, ich selbst bin tatsächlich ein Fan der Beschäftigung mit Nischenthemen. Auch Rudern macht sicher vielen eine Menge Spaß, die das gezielt wollen und suchen. Allerdings finde ich den Anspruch absurd bis surreal, solche Interessen der allgemeinen Öffentlichkeit überstülpen zu wollen. Eine merkwürdige Annahme von Selbstwirksamkeit: „die Maus, die brüllte.“
So wie diese Zeilen? Vielleicht. Aber die suchen ja immerhin nicht den Weg ins Fernsehen, sondern haben es sich auf meinem unscheinbaren privaten Facebookprofil recht gemütlich eingerichtet.