Antipoden.
"Everybody understood that if the proof is correct then no other recognition is needed."
Das stammt von Grigori Perelman, einem russischen Mathematiker mit dem höchsten jemals gemessenen IQ von 238. Ob das genau stimmt ist ziemlich Wurscht. Auch bei 50 Punkten plusminus sollte die Messlatte immer noch "knapp" höher liegen als bei den unzähligen Mansplainern in den Threads der sozialen Netze. Perelman hat einen Beweis für die Poincaré-Vermutung geführt, ein hochkomplexes geometrisches Dingens, das ich mir nicht anmaßen werde, mit einer halbgaren Wikipediaweisheit vorzustellen. Daraufhin wollte man ihm jedenfalls die mit einer Million Dollar dotierte Fieldsmedaille überreichen. Die hat er unter dem eingangs präsentierten Zitat dankend abgelehnt, wie später noch den EMS-Preis der Europäischen Mathematischen Gesellschaft. Ergänzt hat er dann noch: "Emptiness is everywhere and it can be calculated, which gives us a great opportunity. I know how to control the universe. So tell me, why should I run for a million?" Oder: "I don’t want to be on display like an animal in a zoo."
Und mit letzterem Spruch wären wir dann schon bei seiner Antipode Jake Paul, der genau das sucht. Der steigt mit einem etwas bescheideneren, dokumentierten IQ von 88 Punkten, kein despektierlicher Scherz, in den Käfig, wie passend, oder den Ring und konnte bislang beachtliche 75 Millionen Dollar einsammeln. Schlichtere Gemüter würden behaupten: "Er hat es geschafft", was immer das auch heißen soll. Vermutlich noch ergänzt mit: "... durch harte Arbeit", der liberalen Logorrhoe, der regelmäßig das kalte Bäuerchen folgt in Gedanken an des Berserkers fossilenergiegetriebene Autosammlung italienischer Provenienz.
Warum ich das so aufschreibe? Weil ich meine, darin eine schöne Analogie für die Werteentgleisung unserer Zivilisation zu erkennen. Eine abersinnige Bewertung von Leistung, die sich auf viele gesellschaftliche Bereiche mühelos übertragen ließe. Denken wir nur einmal an die sozialen Berufe, die grotesk unterbewertet werden im Vergleich zu den ungezählten Laumicheln in ihren nicht selten vollkommen sinnfreien Beraterjobs.
Man hat Perelman schon einige Professuren angeboten. In einem Fall wurde als Voraussetzung dazu ein Lebenslauf verlangt. Perelman winkte ab mit der Begründung: "If they need my C.V., they don’t know my work." Herrlich, für solche kleinkarierten Mätzchen hat der einfach keine Zeit. Der Mann will lieber "rechnen".
Was mich auf die Frage zurückwirft, ob sich Glück, Zufriedenheit und Erfolg ausschließlich in Euro oder Dollar messen lassen, in dumpfem Konsum oder in gefallsüchtiger öffentlicher Reputation.
Vielleicht liegen unsere Wahrheiten auf einer rasterfreien Skala dazwischen.