Kacke

Neben den Veränderungen im eigenen Land und seinen gesellschaftlichen Verwerfungen, erfüllen mich die globalen Entwicklungen tatsächlich mit großer Sorge und lassen mich zunehmend schlechter schlafen. Wenn ich dann nachts aufwache, versuche ich ein paar unverdächtige, möglichst belangarme Zeilen zu lesen, was für gewöhnlich zuverlässig wirkt, mich zeitnah wieder in Morpheus Armen gemütlich einzunisten. Heute Nacht kam es anders. Ich stolperte über eine fast vergessenen Vokabel, die sich so beschissen anhört, wie sie den Zustand politischer Kultur verwortlicht:

Der Begriff „Kakistokratie“ bildet sich aus den beiden griechischen Wörtern „kakistos“ für den Superlativ „schlimmste“ und „kratos“ für „Herrschaft“abgeleitet. Gemeint ist wörtlich eine „Regierung durch die schlimmsten Leute“ als Bezeichnung für eine Regierung aus den ninderqualifiziertesten, abgrundtiefschlechten, korruptesten Menschen, frei von allen Skrupeln.

Der amerikanische Dichter James Russell Lowell verwendete das Wort „Kakistrokratie“ in einem Brief an Joel Benton im Jahr 1876:

„Was mich mit Zweifel und Bestürzung erfüllt, ist die Verschlechterung des moralischen Tons. Ist dies ein Ergebnis der Demokratie oder nicht? Ist unsere Regierung eine ‚Regierung des Volkes durch das Volk für das Volk‘ oder eher eine Kakistokratie zum Vorteil der Schurken auf Kosten der Narren?“

Huch, das klingt ja verdammt gegenwärtig.

Eine intensive, hochfrequente Anwendung fand die Bezeichnung dann wieder im Kontext von Donald Trumps erster Präsidentschaft. Ein Höhepunkt war sicher die Verwendung coram publico durch den ehemaligen CIA-Direktor John Brennan im Jahr 2018.

Schon während der US-Präsidentschaftswahlen 2024 erfuhr der Einsatz der Vokabel frischen Wind. Unter anderem zur Beschreibung der von Donald Trump vorgeschlagenen Kabinettskandidaten.

Das führte fast zwangsläufig zur Kürung zum „Wort des Jahres“ durch den Economist.

Die aktuellen Trumpschen Zolleskapaden auf kanadische Waren beantwortete der kanadische Premier Justin Trudeau mit einem konkreten Gedankenspiel zur Einschränkung bis Einstellung der Energielieferungen nach Amerika.

Das beantwortete die Pressesprecherin des Weißen Hauses, Karoline Leavitt, umgehend öffentlich, adressiert an die eigene Bevölkerung:

"Sie wollen, dass ihr in Panik geratet, aber Präsident Trump will, dass ihr euch daran erinnert, dass Jesus auch keinen Strom hatte und es ihm gut ging."

Die Geschichte hat gezeigt, dass Religionen einem modernen Staat nur selten zuträglich waren und sind. Solche selbstbeschwörenden Analogien eignen sich allenfalls zur Sedierung von Gehirnamputierten und werfen kein schönes Bild auf die gegenwärtige Staatenlenkung und deren Verältnis zu den eigenen Leuten.

Jesus also, größer ging es wohl gerade nicht. 2025. Steht das für einen weiteren Zivilisationsbruch?

Ich versuche, nochmal einzuschlafen.

Bruno SchulzComment